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Ein Jugendhaus für die Völkerverständigung

Die Kirchengemeinde Kray feierte eine einzigartige Partnerschaft

(Essen, 07.07.2019) Perspektivlosigkeit ist ein Problem, mit dem viele Jugendliche in Bosnien-Herzegowina noch heute konfrontiert sind. Eine Gruppe von Jugendlichen aus dem Jugendhaus Gecko der Evangelischen Kirchengemeinde Kray hat vor zehn Jahren beschlossen, dagegen ein Zeichen zu setzen. Dies geschah im Rahmen einer einzigartigen Partnerschaft mit dem Jugendhaus Una in der bosnischen Kleinstadt Dubica. Wir sprachen mit Thomas Lange, dem Leiter des Gecko, und seiner Mitarbeiterin Nora Hock über die Geschichte und Bedeutung dieses einmaligen Projekts.

"Als wir in Dubica eintrafen, befand sich das Zweifamilienhaus, in dem wir das Jugendhaus einrichten sollten, in keinem vorzeigbaren Zustand, eine Renovierung war dringend nötig", erinnert sich Thomas Lange. Elf Tage lang haben die bosnischen Jugendlichen damals zusammen mit den Helfern aus dem Gecko ihr Bestes getan, um einen Ort der Chancen und der Gemeinschaft zu schaffen. Viele weitere Besuche sollten folgen. Neben der harten Arbeit, die dort verrichtet werden musste, konnten die deutschen Helfer durch den Kontakt mit den Bosniern viel über die dortige Situation erfahren: Denn das vom Bürgerkrieg geschädigte Land hat noch heute große Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Eine hohe Arbeitslosigkeit, unregelmäßige Einkommen oder auch finanzielle Abhängigkeit von Verwandten, die aus Bosnien geflohen waren und heute in anderen Ländern leben, sind einige Beispiele für die knifflige Lage vor Ort.

Wie ist es überhaupt zu dieser einmaligen Zusammenarbeit gekommen? „Wie bei vielen großen Projekten gab ein glücklicher Zufall den Ausschlag für die erste Reise nach Bosnien“, berichtet Jugendhausleiter Thomas Lange. „Eines Abends, vor etwa zwanzig Jahren, stand Doris Straußberger, seinerzeit Gemeindepfarrerin in Kray, zusammen mit einer Geflüchteten aus Bosnien vor der Tür des Jugendhauses. Ihr Bericht über die Lage im Land erweckte bei mir den Wunsch, beim Wiederaufbau der Zivilgesellschaft zu helfen."

Die Idee eines Jugendhauses war vor zwanzig Jahren noch nicht aktuell – viel stärker ging es um die Grundversorgung: Nacheinander machten sich ein ausgedienter Krankenwagen, medizinisches Gerät, ein altes Feuerwehrauto, ein Müllwagen und ein nicht mehr benötigter Fäkalientransporter auf den Weg nach Bosnien. Thomas Lange erinnert sich an viele spektakuläre Erlebnisse, die ihm und seinen Mitreisenden während der ersten Aufenthalte widerfahren sind: „Schon die Einreise nach Bosnien, das nicht zur EU gehört, gestaltete sich oft als Abenteuer“, berichtet der Sozialarbeiter. „Auch die mangelnde Infrastruktur und das Fehlen von notwendigen Gütern waren immer wieder ein Problem.“

Die verschiedenen Interessensgruppen, die in Bosnien aufeinander treffen, und die daraus resultierende fehlende Gemeinschaft gerade unter jungen Leuten animierten die deutschen Helfer zu der Idee, in Dubica einen Ort der Gemeinschaft aufzubauen. Die Planung für den Aufbau begann bei einem denkwürdigen Treffen mit den Verantwortlichen aus Deutschland und Bosnien in Paris, vor die Evangelische Kirche im Rheinland ein Begegnungszentrum unterhält. Kurze Zeit später machte sich die erste Gruppe mit Jugendlichen aus Kray mit dem Bus auf den Weg nach Dubica.

„Doch unsere Hilfe wurde nicht von Anfang an mit offenen Armen empfangen“, erzählt Thomas Lange. „Es bestand durchaus Skepsis seitens der bosnischen Jugendlichen. Die Frage, weshalb ein deutsches Jugendhaus ihnen zu Hilfe kommt, obwohl ein Großteil der Mitreisenden doch gerade ihre Ferien genießen könnten, stand lange im Raum. Dieses Misstrauen verringerte sich aber schlagartig, als das gemeinsame Arbeiten begann.“ Thomas Lange ist heute überzeugt davon, dass das gemeinsame Ziel und die daraus resultierende Arbeit die vorhandenen Unterschiede egalisiert hat: Alle mussten sich gemeinsam auf die jeweils aktuelle Herausforderung konzentrieren.

Und von denen gab es viele. So trug das leer stehende Haus noch klare Zeichen des Bürgerkrieges in sich. Die letzten Granaten wurden vom Dachboden geholt, während in Paris bereits die Renovierung geplant wurde. Auch die Bezahlung der bosnischen Mitarbeiter war lange unklar. Trotz dieser Widrigkeiten wurde die Renovierung letztendlich erfolgreich abgeschlossen.

Die damals aufgebaute Beziehung zwischen Dubica und Essen-Kray hält bis heute an. Der letzte Besuch einer Gruppe von Jugendlichen aus dem Gecko fand anlässlich des 10jährigen Bestehens der Partnerschaft im April dieses Jahres statt. „Jeder, der mitfahren will, weil er sich für das Land und die Menschen dort interessiert, und gleichzeitig den kleinen Eigenanteil aufbringt, konnte sich für die Jugendbegegnung melden“, erzählt Nora Hock. Auch dieses Mal war die Sozialarbeiterin wieder begeistert davon, mit welcher Offenheit sich die jungen Menschen aus Deutschland und Bosnien begegnen: „Ein wesentlicher Aspekt der Kontaktherstellung mit den Gastgebern waren abendliche Kartenspiele“, berichtet die Sozialarbeiterin. „Die Kommunikation erfolgt mit Händen und Füßen und ein bisschen Englisch.“

Obwohl sich die finanzielle Situation des Jugendhauses in Dubica in den letzten Jahren verbessert hat – so wird die Einrichtung jetzt von einem anerkannten Verein getragen, der selbst in Bosnien Anträge auf Unterstützung stellen darf – war die Arbeit bis heute auf Spenden aus Essen angewiesen. Die Evangelische Kirche im Rheinland rief zu einer Kollekte auf; bei jeder Sitzung des Presbyteriums der Kirchengemeinde Kray geht ein Spendenkörbchen herum. „Die Kosten für eine neue Heizung wurden 2012 durch Spenden gedeckt, die bei einem Konzert gesammelt wurden. 2014 gab der Frauenchor Chorale Feminale ein Benefizkonzert, um dringend nötige Anschaffungen bezahlen zu können“, erzählt Gecko-Leiter Thomas Lange.

Das Jugendhaus wird aktuell von einer Ingenieurin geleitet, für die die beiden Sozialarbeiter nur gute Worte finden. „Branka setzt sich immer für die Jugendlichen im Haus ein“, erklärt Thomas Lange. „Allerdings ist die Stelle der Leitung noch keineswegs auf Dauer gesicherte. Wir schauen von Jahr zu Jahr, wie die Stelle finanziert werden kann.“ Doch alle sind zuversichtlich: „Vieles entwickelt sich im Laufenden“, lächelt Thomas Lange, und meint damit zweierlei: Einmal, dass das Gespräch während eines Spaziergangs oft wichtiger ist als das vorher verabredete Meeting. Und zum anderen, dass es hilft, die Dinge bis zu einem bestimmten Maße einfach auf sich zukommen zu lassen: Erst während des laufenden Prozesses wird klar, worauf es ankommt, und was als nächstes getan werden muss.

Eins kommt so zum anderen, und auch die öffentliche Wahrnehmung in Bosnien steigt: Bei der Jubiläumsfeier des Jugendhauses im April waren sowohl das lokale Fernsehen als auch ein Vertreter des Bürgermeisters anwesend. Und das Projekt zieht Kreise: Ein Ergebnis ist „Una-Rock“, eine besondere Jugendbegegnung, die alle zwei Jahre junge Musiker für eine Tournee durch deutsche und bosnische Städte zusammenführt. Ein Fazit: In der bosnischen Kleinstadt Dubica wurde ein Projekt geschaffen, das für Zusammenhalt und Weltoffenheit steht. Es bietet jungen Menschen die Möglichkeit, Neues zu entdecken, gleichzeitig aber auch Hilfe zu leisten, wo es nötig ist. Eine Kooperation mit so vielen positiven Facetten für beide Seiten hat es verdient, weiter fortgeführt zu werden. In diesem Sinne auf die nächsten 10 Jahre!

Die Evangelische Kirchengemeinde Kray hat das 10jährige Bestehen dieser einzigartigen Partnerschaft in einem Gottesdienst am 7. Juli in der Alten Kirche gewürdigt. Der runde Jahrestag war Anlass, um an den ersten Besuch in Dubica zurückzudenken und auf den Weg zu blicken, den die freundschaftliche Verbindung seitdem genommen hat. Partner aus Bosnien waren via Skype zugeschaltet und nahmen live am Gottesdienst teil.

Text und Foto: Frederik Steinhage

 

 

 

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