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Telefonseelsorge erhält pro Tag drei Anrufe, in denen es um Suizid geht

Pfarrer Werner Korsten zum Welttag der Suizidprävention

„...Ich bin jetzt einfach mal ehrlich, weil ich es sonst niemandem sagen kann: Ich denke sehr oft darüber nach, einfach vor den Zug zu springen und habe es nur nicht gemacht, weil ich mich zu sehr verantwortlich für meine Familie fühle. Mein Leben ist ohne Sinn, dabei bin ich erst 22...“

Sinnkrisen und Versagensängste, Geldsorgen oder belastende Familienverhältnisse: Jährlich nehmen sich in Deutschland rund sechshundert Menschen unter 25 Jahren das Leben; nach dem Verkehrstod ist der Suizid die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Durchschnittlich dreimal am Tag erhalten die beiden Essener Telefonseelsorgestellen Anrufe, in denen es um das Thema Suizid geht. Anlässlich des Welttages der Suizidprävention am 10. September spricht Pfarrer Werner Korsten, Leiter der Evangelischen Telefonseelsorge in Essen, über den schwierigen Umgang mit diesem Thema und die geplante „Krisen-Kompass-App“, die zurzeit entwickelt wird:

„Pro Jahr nehmen unsere beiden Telefonseelsorgestellen etwa tausend Anrufe entgegen, in denen vage Suizidgedanken, konkrete Suizidabsichten oder gar ein eingeleiteter Suizid eine Rolle spielen. Diese Gespräche führen wir rund um die Uhr, an jedem Tag und in jeder Nacht des Jahres. Weil unsere derzeit 125 ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch rund dreißig Schulungsabende auf ihre Tätigkeit vorbereitet wurden, wir sie auch während ihres Dienstes regelmäßig fachlich begleiten und das gesamte Team sich gegenseitig unterstützt, sind wir für diese schwierigen Anrufe gut gerüstet.

Zuerst versuchen unsere Mitarbeitenden, die Situation der Anrufenden zu verstehen: Was wiegt so schwer im Leben, dass der Tod sinnvoller erscheint, als weiter zu leben? Wenn die Menschen sich in ihrer Not verstanden fühlen, können wir mit ihnen danach suchen, was sie noch am Leben hält – was also bislang verhindert hat, dass sie ihre Gedanken oder Absichten in die Tat umgesetzt haben. Am Ende ist es manchmal möglich, mit ihnen zu vereinbaren, später erneut anzurufen oder auch weiterführende Hilfe in Anspruch zu nehmen. Bei anderen Gesprächen muss offen bleiben, wie es für die Anrufenden weitergeht.

Seit Juni 2019 bietet die Telefonseelsorge in Essen – gemeinsam mit anderen Telefonseelsorgestellen in Deutschland – außerdem den Kontakt per Mail an; auch darauf haben wir unsere Mitarbeitenden intensiv vorbereitet. Besonders junge Menschen wählen diesen Weg, um Kontakt und Hilfe zu bekommen. Deshalb wird auch die neue und kostenlose Krisen-Kompass-App, die die Telefonseelsorge in Deutschland bis zum Ende des Jahres entwickelt und von der zum Welttag der Suizidprävention ein Prototyp vorgestellt wurde, eine sinnvolle Ergänzung für unsere Arbeit sein. Die App ist für Menschen gedacht, die selbst Suizidgedanken haben oder die andere Menschen mit Suizidabsichten kennen; aber sie ist auch ein Angebot für all diejenigen, die in ihrem Umfeld jemanden durch Suizid verloren haben und sich dabei häufig allein gelassen fühlen. Die Krisen-Kompass-App kann wie eine schnelle Erste Hilfe funktionieren und über kritische Lebenssituationen hinweghelfen.“

Hinweis: Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 (evangelisch) und 0 800 / 111 0 222 (katholisch). Sie tauchen nicht im Einzelverbindungsnachweis und nicht auf der Telefonrechnung auf. Auch per Mail oder Chat ist die Telefonseelsorge erreichbar: Informationen stehen im Internet auf der Seite telefonseelsorge-essen.de.

 

 

 

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