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Antisemitismus in Deutschland, Jahresberichte und Haushaltspläne

Esener Kreissynode tagte in Rüttenscheid

(Essen, 17.11.2019) Die Verabschiedung der Haushaltspläne für das Jahr 2020 und verschiedene Jahresberichte waren Schwerpunkte der Herbstsynode des Kirchenkreises Essen. In seinem Grußwort warnte der Leiter der Alten Synagoge Essen, Dr. Uri Kaufmann, vor dem wachsenden Antisemitismus in Deutschland und appellierte an die Kirchengemeinden und Dienste des Kirchenkreises, den Rechtsstaat und die Demokratie entschieden zu verteidigen – ob auf dem Schulhof oder durch eine gezielte Bildungsarbeit für Menschen aller Altersstufen.

Das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Essen kam am Samstag (16. November) im Gemeindezentrum an der Julienstraße in Rüttenscheid zu seiner 24. ordentlichen Tagung zusammen. Eröffnet wurde die Kreissynode mit einem Abendmahlsgottesdienst in der Reformationskirche; die Predigt hielt Pfarrer Andreas Volke aus der Kirchengemeinde Rellinghausen.

EINDRINGLICHER APPELL VON DR. URI KAUFMANN

In seinem Grußwort hob Dr. Uri Kaufmann die gute und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem Kirchenkreis Essen hervor – zuletzt sehr intensiv im Jahr des Reformationsjubiläums sowie auch regelmäßig bei der Fortbildung von Lehrerinnen und Lehrern. Dass die Behandlung des Judentums heute im evangelischen Religionsunterricht explizit vorgesehen sei, bezeichnete der Leiter der Alten Synagoge Essen als guten Fortschritt; „Ich nehme gerade innerhalb der Kirchen eine große Offenheit wahr, etwas über das Judentum, seine Geschichte und seine Religiosität zu lernen und auch das Versagen von großen Teilen der Evangelischen Kirche angesichts der Verfolgung und Vernichtung von Juden in der Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten.“

Andererseits machte er seine Sorgen über bedenkliche Entwicklungen innerhalb der deutschen Gesellschaft deutlich und beschrieb eindringlich, warum sich viele Juden in Deutschland nicht mehr sicher fühlten: Hemmschwellen, antisemitische Formulierungen zu verwenden, fielen mehr und mehr weg. Auf den Schulhöfen sei immer häufiger das Schimpfwort „Du Jude!“ zu hören, ohne dass jemand einschreite. Dass Sympathisanten der Hamas im Juli 2014 auf dem Willy-Brandt-Platz ‚Juden ins Gas‘ riefen, sei „Antisemitismus in Reinform“ und habe nichts mit einer rationalen Kritik an der israelischen Regierungspolitik zu tun.

„Die politische Polarisierung nimmt zu und manches, was ich in der Presse darüber lese, schockiert mich. In den vier neuen Bundesländern haben zwanzig bis fünfundzwanzig Prozent der Wähler ihre Stimme einer Partei gegeben, die auch rechtsextreme Positionen vertritt. Neue Medien bieten Gleichgesinnten eine Plattform um sich auszutauschen, tragen aber auch dazu bei, dass sich Menschen in extreme Positionen hineinsteigern und radikalisieren, wie der Anschlag in Halle zeigt.“

Auch die Wahrnehmung des Nahostkonflikts, unter anderem in Teilen der Friedensbewegung, sieht Uri Kaufmann problematisch: Das Thema sei komplex. Sowohl auf Seiten der Israelis wie auch der Palästinenser gebe es tiefsitzende Traumata, deren Ursachen und Folgen – der Angriff arabischer Armeen 1948 und permanente Raketenangriffe aus dem Gaza-Streifen einerseits, Vertreibung und Flucht andererseits – differenziert wahrgenommen werden müssten. „Einseitige Schuldzuweisungen, egal in welche Richtung, helfen nichts. Die Aufforderung, alle israelischen Waren pauschal zu boykottieren, schürt den Hass und führt dazu, dass Juden in Deutschland, die für eine friedliche Lösung des Konflikts mit den Palästinensern eintreten, verstummen. Die Katastrophe, die die Palästinenser 1948 erlitten hätten, ist real und hatte schreckliche Folgen. Trotzdem darf sie nicht mit dem Massenmord an den europäischen Juden verglichen werden.“

Man könne an israelischer Politik viel kritisieren, wie man auch Entwicklungen in Deutschland kritisieren könne. „Oft versteckt sich hinter einer Fundamental-Kritik und Empörung aber ein Bedürfnis nach ‚Entsorgung‘ der deutschen Vergangenheit: Man vergleicht, was israelische Soldaten tun, mit den NS-Untaten, um die Vergangenheit der eigenen Großväter zu relativieren.“

An die Essener Kirchengemeinden, Dienste und Einrichtungen appellierte Uri Kaufmann, offensiv für die Bewahrung von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit einzutreten. „Essen ist heute eine multi-ethnische, multi-religiöse Stadt in einem funktionierenden demokratischen Rechtsstaat. Die jüdische Gemeinschaft ist nur ein kleines Teilchen mit 900 Mitgliedern in diesem großen Mosaik von fast sechshunderttausend Einwohnern einer Großstadt. Es gilt, negative Einflüsse auf das Zusammenleben der Religionen abzuwehren, die gegenseitigen Kenntnisse zu fördern, Kontakte über die Religionsgrenzen herzustellen um ein gutes Nebeneinander und manchmal auch Miteinander zu befördern“, sagte der Leiter der Alten Synagoge. Hier stehe der Kirchenkreis Essen in seiner gesellschaftlichen Verantwortung „für den Frieden in der Stadt zu sorgen“, wie es beim Propheten Jeremia (Kapitel 29, Vers 7) heiße. „Wir hoffen weiter darauf, dass die Sicherheitsschleusen und der Polizeischutz für jüdische Gemeinden und Institutionen, die sich wie die Alte Synagoge Essen mit dem Judentum beschäftigen, eines Tages nicht mehr nötig sein werden.“

JAHRESBERICHT DER SUPERINTENDENTIN

Im Anschluss erstattete Marion Greve den Synodalen ihren Bericht über die bedeutenden Ereignisse der vergangenen Monate. Darin ging die Superintendentin auf die sich verschlechternden Rahmenbedingungen kirchlicher Arbeit ein, die auch schmerzliche Abschiede, unter anderem von Gebäuden, nötig machten. Umso wichtiger sei es, gemeinsamen nach innovativen Wegen zu suchen, die neue Formen kirchlicher Gemeinschaft ermöglichten, Kooperationen über alle kirchlichen Ebenen hinweg und zwischen den Gemeinden zu fördern und auch neue, außerkirchliche Partner zu gewinnen. Als gute und gelungene Beispiele nannte sie die anstehende Fusion der Gemeinden Bredeney und Margarethenhöhe, die Gründung des offenen Zentrums „60plus“ gemeinsam mit der Stadt Essen (Gemeinde Altenessen-Karnap), die funktionierende Ökumene im Markushaus (Borbeck-Vogelheim) und in Gerschede (Dellwig-Frintrop-Gerschede) und den gelungenen Start des „Forums für inklusive Kultur“ des Integrationsmodells im Gemeindezentrum auf der Billebrinkhöhe (Bergerhausen).

Das Jahresthema 2020 des Kirchenkreises werde eine aktuelle Kampagne der Diakonie in Deutschland aufgreifen, wie die Superintendentin ankündigte: „Die Kunst des Zuhörens in ‚unerhörten‘ Zeiten.“ Eröffnet wird dieser thematische Schwerpunkt mit dem Neujahrsempfang am 6. Dezember, zu dem der Präsident des Diakonischen Werkes der Evangelischen Kirche in Deutschland, Ulrich Lilie, als Gastreferent in der Marktkirche erwartet wird. Im Zeitraum von den Osterferien bis zum „Tag der offenen Gesellschaft“ Mitte Juni stellen Kirchengemeinden, Dienste und Einrichtungen des Kirchenkreises die Bedeutung einer „zuhörenden Kirche“ in den Mittelpunkt mehrerer Veranstaltungen: „Im Sinne eines aktiven Zuhörens, bei dem ich neugierig bin auf mein Gegenüber und die Resonanz im Blick habe. So wie Jesus die Menschen in ihrem Alltag bewusst wahrnahm, sich auf ihre Situation einließ und ihnen zuhörte. Besonders denen, die sich ungehört fühlen.“ Erste Ideen stehen im Raum: Sie reichen vom Zuhören in der Seelsorge über eine Ausstellung des Diakoniewerks, ein Bürgergespräch und einen Mitarbeitenden-Workshop mit den Kettwiger „Seelenbrettern“ bis hin zu einem offenen Demokratiefrühstück vor der Marktkirche.

JAHRESABSCHLÜSSE UND HAUSHALTSPLÄNE

Neben den Punkten „Wahlen und Nachwahlen zu verschiedenen Gremien des Kirchenkreises“ und „Bericht der Verwaltungsleiterin“ standen turnusmäßig auch die Abstimmungen über Jahresabschlüsse und Haushaltspläne auf der Tagesordnung. Mit Blick auf die erwartete Finanzsituation im Jahr 2020 konnte der Vorsitzende des Finanzausschusses, Thomas Caspers-Lagoudis, den Synodalen auch in diesem Jahr keine guten Nachrichten überbringen: Zwar sei bei den frei verfügbaren Mitteln eine leichte Steigerung zu erwarten (Ansatz 2020: 24.524.400; 2019: 24.322.800), doch reiche dies keinesfalls aus, um die Personalkostensteigerung und die gestiegenen Umlagekosten aufzufangen.

Nach Abzug des Vorwegabzuges für gemeinsame Aufgaben (z.B. Marktkirche, Reformationsfeier, Presbyteriumswahl 2020) verbleibt eine Verteilsumme von 24.143.300 Euro (2019: 24.056.500 Euro). Daraus stehen den 27 Kirchengemeinden nach einem feststehenden Anteilssatz insgesamt 76,96 Prozent oder 18.580.700 Euro (2019: 18.513.900 Euro) zur Verfügung. Der Kirchenkreis erhält 23,04 Prozent oder 5.562.600 Euro (2019: 5.542.600 Euro). Der Zuweisungsbetrag, den die Kirchengemeinden je Gemeindeglied erhalten, steigt geringfügig von 90,53 Euro (2019) auf 91,41 Euro (2020).

Da die Zahl der Gemeindemitglieder aber weiter kontinuierlich zurückgeht (31.12. 2017: 139.269 Mitglieder; 31.12.2018: 136.393 Mitglieder), müssen fast alle Essener Kirchengemeinden ihre Haushaltspläne für das Jahr 2020 mit einem teilweise deutlich geringeren Gesamtzuweisungsbetrag aufstellen. Auch die Gemeindeübergreifenden Dienste und Einrichtungen sind aufgefordert, sich im kommenden Jahr intensiv mit Strategien zur Kostensenkung auseinanderzusetzen, um ein strukturelles Defizit zu vermeiden.

BEWILLIGTE FÖRDERUNGEN AUS DEM INNOVATIONSFONDS

Gleichwohl wird der Kirchenkreis zurzeit noch vorhandene finanzielle Spielräume nutzen, um weiterhin eine Anzahl innovativer Projekte zu fördern – dies machte auch der Bericht aus dem „Arbeitskreis Zukunft“ deutlich. Für diesen Zweck stehen im Zeitraum von 2018 bis 2020 eine Million Euro zur Verfügung, die der Kirchenkreis bereits im vergangenen Jahr in einen Innovationsfonds eingestellt hat. Initiativen und Gruppen, Gemeinden, Dienste und Einrichtungen der Evangelischen Kirche in Essen können sich in sechs halbjährlichen Antragsphasen um eine Unterstützung aus diesem Fonds bemühen.

Nach bislang neun Projekten in den ersten drei Antragsphasen hat der Kreissynodalvorstand Finanzmittel für zwei weitere Vorhaben bereitgestellt – sie betreffen den Aufbau einer „Mehrgenerationen-Mitmachkirche bzw. Familienkirche“, ein Projekt, das die Kirchengemeinde Bergerhausen in Kooperation mit der Kirchengemeinde Rellinghausen durchführt und das vor allem auf die Leitung durch Ehrenamtliche setzt, sowie eine Initiative, die Kirchengemeinden und kirchliche Einrichtungen befähigen soll, Vorhaben im Themenfeld „Glaube-Kunst-Kirche“ zu entwickeln und umzusetzen.

Letzter Tagesordnungspunkt war ein Antrag, sich im Kirchenkreis eingehend mit dem „Friedenswort 2018“ der Evangelischen Kirche im Rheinland auseinanderzusetzen; er wurde mit zwei Enthaltungen angenommen.

STICHWORT: KREISSYNODE

Die Kreissynode ist das Kirchenparlament des evangelischen Kirchenkreises. Sie ist für Grundsatzentscheidungen über die Zielsetzung, Planung und Durchführung der Arbeit im Kirchenkreis zuständig, kann Arbeitsbereiche aufheben und einrichten und trägt formell die Gesamtverantwortung. Die Essener Kreissynode besteht aus 157 Delegierten, die aus den 27 Kirchengemeinden, Referaten, Diensten und Einrichtungen des Kirchenkreises entsendet werden und zweimal im Jahr zu ordentlichen Tagungen zusammenkommen.

 

 

 

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