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32 Jahre lang ein offenes Ohr für Menschen in seelischer Not

Leiter der Telefonseelsoge wurde verabschiedet

(Essen, 22.11.2019) In einem Gottesdienst am 22. November wurde Pfarrer Werner Korsten, Leiter der Evangelischen Telefonseelsorge Essen, von Marion Greve, Superintendentin des Kirchenkreises Essen, aus seinem langjährigen Dienst in den Ruhestand verabschiedet. Schon während des Studiums der Theologie hatte er sich ehrenamtlich in der Telefonseelsorge engagiert; in Essen war er 32 Jahre lang für die Aus- und Fortbildung der Mitarbeitenden verantwortlich und hat selbst mehrere tausend Anrufe von rat- und hilfesuchenden Menschen entgegengenommen.

Werner Korsten wurde in Mönchengladbach geboren, studierte in Wuppertal und Bonn Theologie und absolvierte sein Vikariat in Remscheid; anschließend ging er als Pfarrer in eine Saarländische Gemeinde. Nach einer entsprechenden Zusatzausbildung war er fünf Jahre als Krankenhausseelsorger tätig; eine weitere, psychoanalytisch orientierte Qualifikation für Ehe- und Familienberatung kam hinzu. Am 1. März 1987 übernahm Werner Korsten die Leitung der Evangelischen Telefonseelsorge Essen.

KRITIKER DER VORRATSDATENSPEICHERUNG

1996 wurde er Mitglied im Vorstand des bundesweiten Dachverbandes „Evangelische Konferenz für Telefonseelsorge und Offene Tür“; von 2000 bis 2015 hatte er den stellvertretenden Vorsitz inne. Seine Schwerpunkte in dieser Funktion waren der Datenschutz, die Telekommunikationspolitik und die Telekommunikationstechnik. Werner Korsten zählt bundesweit zu den entschiedenen Kritikern der Vorratsdatenspeicherung, die seiner Überzeugung nach das Beicht- und Seelsorgegeheimnis verletzt und die Anonymität der Menschen, die bei der Telefonseelsorge anrufen, gefährdet.

Bei der Frage, was eine Telefonseelsorgerin, ein Telefonseelsorger für diesen schwierigen Dienst an Rüstzeug benötigt, muss er nicht lange überlegen: Wichtig sind persönliche Stabilität und die Bereitschaft zur Selbsterfahrung, eine intensive, qualifizierte Ausbildung, regelmäßige Supervision in kleinen Gruppen und ein ständig erreichbarer Hintergrunddienst, der den Ehrenamtlichen bei sehr schwierigen Gesprächen zur Verfügung steht.

HÄUFIGE THEMEN

Welche Themen werden am häufigsten angesprochen? Geschätzte dreißig Prozent der Anrufenden haben mit psychischen Problemen und Krankheiten zu kämpfen. Die größte Rolle spielen Einsamkeit und Situationen der Verlassenheit, das Zerbrechen sozialer Beziehungen – zum Beispiel nach einer Trennung oder Scheidung, dem Verlust des Arbeitsplatzes, nach dem Auszug der Kinder oder dem Tod des Lebenspartners. Manchmal geht es um Mobbing – bei der Arbeit, in der Schule oder im Freundeskreis. Von Jugendlichen, im Zeitalter von WhatsApp, Facebook und Co., den sogenannten „sozialen Medien“, hört Werner Korsten oft: „Bei Ihnen erlebe ich das erste Mal, dass mir wirklich jemand zuhört.“

Besonders schwere Gespräche sind jene zwei Prozent, in denen es um Selbstmordgedanken oder gar einen schon ganz konkret vorbereiteten Suizid geht: „Dann ist es wichtig, eine tragfähige Beziehung aufzubauen und gemeinsam etwas über das Positive herauszufinden, was den Anrufer bislang am Leben erhalten hat.“ Manchmal muss freilich offen bleiben, wie – und ob – das Leben des Anrufers nach dem Gespräch weitergeht. Ebenfalls schwer: Anrufe von Kindern, die zuhause geschlagen oder sogar missbraucht werden: „In diesen Fällen geht darum, sie nach Möglichkeit dafür zu gewinnen, sich einer Vertrauensperson, vielleicht in der Schule oder einer Arztpraxis, in der Kirchengemeinde oder der Jugendarbeit anzuvertrauen."

WICHTIGER DIENST DER KIRCHEN

Dass die Telefonseelsorge ein wichtiger und unverzichtbarer Dienst der Kirche ist und direkt in der Nachfolge Jesu steht, hat Werner Korsten bei seiner Einführung vor 32 Jahren mit der Emmaus-Geschichte deutlich gemacht: Nach der Kreuzigung Jesu waren die Jünger auf der Flucht vor enttäuschten Hoffnungen, vor Schmerzen und Bitterkeit. Sie suchten nach einer Möglichkeit, mit den Schwierigkeiten fertigzuwerden. So erlebe er die Gespräche am Telefon, sagte Korsten seinerzeit: „Schlimmes, was einem widerfahren ist, soll weniger schlimm gemacht werden.“ Den Jüngern half Jesus, der auf ihren Weg einschwenkte, um ihnen Nähe zu geben und diese erfahren zu lassen; am Ende fanden sie ihr Ziel. „Bei der Telefonseelsorge kann es den Menschen ähnlich gehen. Sie erfahren Nähe, Distanz und Interpretation und machen eine Wendung. Oft genug aber bleibt die Arbeit im Ansatz stecken. Dann sind wir traurig.“ Auch mit diesen Gefühlen achtsam und gut umzugehen, macht eine gute Leitung aus. Seinen reichen Erfahrungsschatz wird Werner Korsten, der seit Geburt sehbehindert und mittlerweile vollständig erblindet ist, als Coach und Prozessbegleiter auch zukünftig fruchtbar machen.

Für die Evangelische Telefonseelsorge Essen steht am 1. Januar eine weitere Veränderung an: Dann wird sie mit der Katholischen Telefonseelsorge zur ökumenischen "Telefonseelsorge Essen“ zusammengelegt. Schon länger arbeiten die beiden Stellen Tür an Tür und schon immer werden Anrufe, die von einer Stelle nicht entgegengenommen werden, weil dort gesprochen wird, zur anderen Stelle weitergeleitet. Für Werner Korsten ist die jetzt anstehende Fusion ein selbstverständlicher Schritt: „Der Anruf in der schlimmsten Not, den wir entgegennehmen, kennt ohnehin keine Konfession.“

STICHWORT: DIE EVANGELISCHE TELEFONSEELSORGE ESSEN

Die Evangelische Telefonseelsorge Essen nimmt – wie auch die Katholische Telefonseelsorge Essen – Gespräche aus den Städten Bottrop, Essen, Gladbeck, Gelsenkirchen, Heiligenhaus und Velbert entgegen. Sie erhält im Jahr rund 18.000 Anrufe, die durchschnittliche Gesprächsdauer beträgt fast 20 Minuten. Vor Beginn ihres Dienstes absolvieren Telefonseelsorgerinnen und Telefonseelsorger einen mehrmonatigen Ausbildungskurs, der kostenlos ist und nach bundesweit einheitlichen Richtlinien durchgeführt wird. Zu den Inhalten zählen insbesondere Techniken der Gesprächsführung und Kenntnisse über Themen, die in den Anrufen bei der Telefonseelsorge häufig angesprochen werden. Nach der Ausbildung werden die Mitarbeitenden durch Supervision und Fortbildungen weiter begleitet.

Fachliche Vorkenntnisse werden nicht erwartet – erforderlich sind jedoch die Bereitschaft zur Selbsterfahrung, seelische Stabilität, die grundsätzliche Fähigkeit, sich auf andere Menschen und ihre Sorgen einlassen zu können, sowie die unbedingte Achtung der seelsorgerlichen Verschwiegenheit. Die Evangelische Telefonseelsorge in Essen ist rund um die Uhr besetzt, verfügt über rund sechzig ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und arbeitet an jedem Tag des Jahres, rund um die Uhr.

Wer für sich selbst möglicherweise einen Sinn darin sieht, anderen Menschen in einer krisenhaften Lebenssituation zur Seite zu stehen, kann sich unter Telefon 0201 747480 melden; Anfang des Jahres beginnt ein neuer Ausbildungskurs.

 

 

 

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