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Essener Kirchengemeinden haben neue Presbyterien bestimmt

304 Ehrenamtliche kümmern sich um die Leitung der Gemeinden

(Essen, 01.03.2020) Am 1. März wurden die Leitungsgremien der Kirchengemeinden neu bestimmt. In Essen verantworten zukünftig 304 Ehrenamtliche gemeinsam mit den Pfarrerinnen und Pfarrern die Arbeit und die Angebote der 26 Gemeinden; unter ihnen sind 36 beruflich Mitarbeitende.

Sofern mehr Kandidierende als Plätze im Presbyterium vorhanden waren, wurden die Mitglieder des Presbyteriums durch eine Wahl bestimmt – im Kirchenkreis Essen traf das auf die neun Kirchengemeinden Altenessen-Karnap (hier wurden nur die Mitarbeiter-Presbyter gewählt), Altstadt (es wurden nur die Presbyterinnen und Presbyter im Wahlbezirk Mitte/Nord gewählt), Bergerhausen, Emmaus-Gemeinde, Frohnhausen, Katernberg, Königssteele, Kupferdreh und Werden zu. Die Wahlbeteiligung in diesen neun Gemeinden lag bei 4,9 Prozent; 2.192 von insgesamt 44.577 Wahlberechtigten haben von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht. In den übrigen 17 Gemeinden des Kirchenkreises entfiel die Wahl, weil es nicht mehr Kandidierende als Plätze im Presbyterium gab. In diesen Gemeinden galten die Kandidierenden bereits als gewählt.

In den neuen Presbyterien der 26 Essener Gemeinden werden 176 Frauen und 128 Männer vertreten sein. 12 von ihnen waren am Wahltag jünger als 30 Jahre. Auf die Altersgruppe der 30- bis 44-Jährigen entfallen 58 Plätze. Mit 126 Presbyterinnen und Presbytern ist die Altersgruppe der 45- bis 59-Jährigen am stärksten vertreten. Älter als 60 Jahre sind 108 Presbyterinnen und Presbyter. Bei 94 Presbyterinnen und Presbyter handelt es sich um die erste Mitgliedschaft im Leitungsgremium ihrer Gemeinde; die übrigen wurden wieder gewählt. Die Amtszeit der Presbyterinnen und Presbyter beginnt mit ihrer Einführung, die in den Gottesdiensten am 22. oder 29. März erfolgt.

Dass keine Wahl stattfindet, soll eigentlich die Ausnahme sein

Eigentlich soll natürlich in allen Gemeinden eine Presbyteriumswahl stattfinden – so sieht es die presbyterial-synodal verfasste Kirchenordnung vor. Doch in vielen Kirchengemeinden finden sich nicht genug Kandidatinnen und Kandidaten, damit es eine Wahl gibt, sondern oft nur gerade so viele, wie Plätze vorhanden sind – in einigen, ganz seltenen Fällen sind es noch weniger. Als Grund dafür, dass sich nicht mehr genügend Mitglieder aus den Gemeinden für eine Kandidatur gewinnen lassen, wird oft genannt, dass sich das Freizeitverhalten verändert hat und das Interesse, ein längerfristiges Ehrenamt zu übernehmen, abnimmt.

In anderen Gemeinden wiederum besteht ein nachvollziehbares Unbehagen darüber, dass – wenn es nur einen Kandidierenden mehr als Plätze gibt, was oft der Fall ist – am Ende „einer draußen bleiben muss“. Nicht selten entstehen dann Verletzungen, die nachwirken.

Bindung an ein längerfristiges Ehrenamt fällt zunehmend schwerer

Fest steht, dass viele Menschen, gerade auch jüngere Erwachsene, heute nicht mehr bereit sind, sich über einen längeren Zeitraum in einem Ehrenamt zu engagieren, das eine relativ hohe Verbindlichkeit fordert und auch Zeit benötigt: Neben den monatlich stattfindenden Sitzungen müssen Protokolle und Sitzungsunterlagen gelesen und durchgearbeitet werden. Wer in einem Fachausschuss mitarbeitet, muss auch hierfür Zeit einplanen. Dazu kommt die Verantwortung: Presbyterinnen und Presbyter haben eine zentrale Funktion in der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie leiten die Kirchengemeinde, und zwar ehrenamtlich und gleichberechtigt mit den Pfarrerinnen und Pfarrern. Das Prinzip setzt sich auf anderen Ebenen der Kirche – den Kirchenkreisen und der Landessynode – fort. Kurz gesagt: Die Gemeinde leitet sich selbst, Kirche wird von unten gebildet.

Mitgliedschaft im Presbyterium bereichert und fordert

Die Mitgliedschaft in einem Presbyterium verlangt Ehrenamtlichen einiges ab. Gemeinsam mit den Pfarrerinnen und Pfarrern bestimmt das Presbyterium darüber, in welche Richtung sich die Gemeinde entwickelt. Es legt die Schwerpunkte und Aufgaben fest, entscheidet über die Finanzen, das Personal sowie die diakonischen und gesellschaftlichen Aufgaben der Gemeinde. Auch in geistlicher Hinsicht gibt es seiner Gemeinde das Gesicht, denn es trägt Mitverantwortung für die Seelsorge und die Gottesdienstgestaltung.

Aber es kommt auch viel zurück, finden Menschen, die sich derzeit in Presbyterien engagieren. Eine funktionierende Teamarbeit, das Erleben von Vertrauen, die gleichberechtigte Zusammenarbeit und die Möglichkeit, eine facettenreiche Arbeit mitzugestalten, gelten als Pluspunkt. „Fürs Presbyteramt sollte man Geduld und Menschenfreundlichkeit mitbringen. Man sollte Ausdauer besitzen und ein offener Mensch sein, weil ganz viele verschiedene Dinge auf einen zukommen“, sagt beispielsweise Cornelia Keins. Sie muss es wissen, denn die 59-Jährige war seit 1995 in der Leitung ihrer Kirchengemeinde Essen-Margarethenhöhe tätig, davon 16 Jahre als Vorsitzende. Bis heute erlebt sie ihre Aufgabe als Bereicherung: „Es macht mir Freude, mit Christen zusammenzukommen, die ihren Glauben auch leben wollen.“

Superintendentin Marion Greve: Auf arbeitsfähige Leitungsgremien kommt es an!

Marion Greve, Superintendentin des Kirchenkreises Essen, schreibt über das Thema „Presbyteriumswahl“ in ihrem Bericht für die Kreissynode des Kirchenkreises Essen (zitiert nach dem veröffentlichten Synodenbericht, Essen am 9. November 2019):

„Die Anstrengungen der Kirchengemeinden, rund um die Presbyteriumswahlen geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu finden, machen mir deutlich, wie sehr sich die Rahmenbedingungen für uns als Kirche verändern. Sich in die Leitung einer Kirchengemeinde verantwortungsvoll einzubringen, bedarf Menschen, die uns als Kirche in ihrem Alltag als relevant und lebensdienlich erleben. Das ist nicht selbstverständlich - schon gar nicht die Entscheidung für ein Ehrenamt, das viel Zeit und Engagement abverlangt.

Viele unterstützende Materialien werden von der Landeskirche für alle Phasen der Wahl am 1. März 2020 bereitgestellt - im Internet (www.prebyteriumswahl.de) wurden Flyer, Texte für emeindebriefe und Stellenanzeigen veröffentlicht; auch Werbeartikel sind online bestellbar. Unser Referat für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit hat den Gemeinden, unter anderem in den Dienstlichen Mitteilungen, seine Mithilfe bei der individuellen Umsetzung angeboten.

Dennoch bleibt die Suche nach Kandidatinnen und Kandidaten schwer – ich höre von einigen Essener Gemeinden, die nicht genügend Kandidaten haben werden, um eine Wahl durchzuführen. Die Gründe sind vielfältig: Manche Presbyterien blicken auf Prozesse zurück, die die einzelnen Mitglieder sehr beansprucht haben – in anderen Presbyterien ist der Generationenwechsel eine echte Herausforderung. So blicke ich gespannt auf die Wahlen am 1. März 2020, denn sie sind ja für unsere presbyterial-synodale Ordnung konstitutiv. Aus meiner unmittelbaren und persönlichen Erfahrung als Superintendentin heraus freue ich mich dennoch, wenn sich überall dort, wo trotz intensiver Bemühungen keine Wahl zustande kommen kann, arbeitsfähige Leitungsgremien finden. Denn darauf kommt es in dieser Zeit mit all ihren Herausforderungen an.“

Präses Manfred Rekowski: Neue Wege der Legitimation prüfen!

In seinem Bericht über die für die Kirche bedeutsamen Ereignisse auf der Landessynode der Evangelischen Kirche im Rheinland hat Manfred Rekowski ebenfalls zum Thema Presbyteriumswahlen Stellung genommen (zitiert nach dem veröffentlichten Manuskript, Bad Neuenahr am 13. Januar 2020):

„Die bevorstehende Presbyteriumswahl wird sichtbar machen, dass es nach wie vor sehr viele Männer und Frauen gibt, die bereit sind, in unserer Kirche Leitungsverantwortung zu übernehmen. Allen Presbyterinnen und Presbytern möchte ich an dieser Stelle sehr herzlich für ihr großes Engagement danken. Allerdings gelingt es uns nach allem, was wir derzeit wissen, in zu vielen Fällen nicht mehr, alle zur Wahl stehenden Positionen zu besetzen. Nach allem, was sich derzeit abzeichnet, werden vermutlich in deutlich weniger als 50 Prozent der Kirchengemeinden tatsächlich Presbyteriumswahlen stattfinden. D. h. es gibt vielerorts keine ausreichende Anzahl von Kandidierenden, um eine Wahl als Aus-Wahl durchführen zu können. Das bedeutet, es wird eine Fülle von Leitungsorganen geben, die ohne eine transparente Form der Legitimation durch die Gemeinde die Aufgabe der Gemeindeleitung übernehmen. Dies halte ich für eine presbyterial-synodale Kirche für sehr problematisch.

Auch wenn eine Wahl als Aus-Wahl grundsätzlich erstrebenswert ist, geht es aber insbesondere auch darum, dass die zur Übernahme eines Leitungsamtes bereiten Personen ein Mandat der (aktiven) Gemeinde erhalten. Die Frage ist, wie wir eine bewusste Beauftragung organisieren, und wie ermöglichen wir, dass diese unter gewissen Umständen auch verweigert werden könnte. Es geht einerseits um eine Stärkung des Mandats der in der Leitung tätigen Menschen. Andererseits geht es auch darum, dass die Gemeinde im Blick auf die Zusammensetzung des Leitungsorgans ein Interventionsrecht erhält. Die Beauftragung zur Gemeindeleitung ist ein geistliches Geschehen. Die Wertschätzung der Beauftragung durch die Gemeinde muss gefördert werden. In unserer Kirche bedeuten Ämter auf Zeit keine Herrschaft, sondern auch in Leitungsämtern kommen die vielerlei Gaben Gottes zum Zuge.

Ich rege deshalb an, dass wir uns erneut Gedanken darüber machen, wie ohne zu große bürokratische Regelungen die Menschen, die bereit sind, im Presbyterium mitzuarbeiten, zum Beispiel durch eine Gemeindeversammlung legitimiert werden. Der ehemalige Präses der EKD-Synode Jürgen Schmude hat dazu Vorschläge unterbreitet, die wir nach meiner Vorstellung aufgreifen und weiterentwickeln sollten. Auch die Erfahrungen, die im Rahmen der Anwendung des Erprobungsgesetzes im Kirchenkreis Niederberg mit der Presbyteriumswahl unter veränderten Spielregeln gesammelt werden, sollten wir auswerten.“

© Titelfoto – Symbolbild aus 2016: ekir.de/Martin Magunia

 

 

 

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