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Jörg Walther: Auf Qualität statt auf Sparzwänge setzen

Neuer pädagogischer Geschäftsführer wurde eingeführt

(Essen, 09.02.2020) Seit August letzten Jahres begleitet Jörg Walther (53) als pädagogischer Geschäftsführer die derzeit zehn, zukünftig zwölf Kindertagesstätten und Familienzentren des Evangelischen Kindertagesstättenverbandes Essen-Nord. In einem Gottesdienst in der Dreifaltigkeitskirche am 9. Februar wurde der staatlich anerkannte Erzieher und Diplom-Sozialarbeiter durch den Vorsitzenden der Verbandsvertretung, Pfarrer Pieter Roggeband, in seinen Dienst eingeführt.

Jörg Walther hat Weiterbildungen im Bereich der systemischen Familienberatung und als Umgangspfleger in der Kinderrechtssorge nach §1684 BGB absolviert. Nebenberuflich bietet er von Zeit zu Zeit Fortbildungen insbesondere im Bereich des Coachings im Handlungsfeld der frühkindlichen Bildung an; ehrenamtlich engagiert sich der Vater von vier Kindern für das Save-House-Projekt „Vivre l´espoir“ („Hoffnung leben“) in Oujda in Marokko.

Zu den Aufgaben von Jörg Walther als Geschäftsführer des Kindertagesstätten-Verbandes zählt neben der pädagogischen Koordination auch eine strategische Ausrichtung der Einrichtungen, die helfen soll, die gesetzlichen Anforderungen durch das Kinder-Bildungsgesetz (KiBiz NRW) gut bewältigen zu können. Gerade im Handlungsfeld der frühkindlichen Bildung hat es zuletzt eine enorme qualitätssteigernde Entwicklung in den verschiedensten Bereichen gegeben. Der Bedeutungszuwachs als erster „außerfamiliärer“ Bildungsort für Kinder fordert eine hohe Professionalisierung und ist mit der Einführung eines evangelischen, bundesweit anerkannten Qualitätsmanagementverfahrens verbunden; die Verleihung des sogenannten BETA-Siegels ist für die erste Jahreshälfte 2020 geplant.

Über die anstehenden Herausforderungen haben wir mit Jörg Walther ein ausführliches Interview geführt:

>> Was hat Sie an der Position des pädagogischen Geschäftsführers des Evangelischen Kindertagesstätten-Verbandes Essen-Nord besonders gereizt?

Der ausdrückliche und gemeinsame Wunsch der Leitungen der zehn Kindertagesstätten nach einer Geschäftsführung, die die laufende Professionalisierung und Weiterentwicklung zu einem Bildungsort begleitet und fördert, hat mich beeindruckt. In unseren Einrichtungen wird vor Ort eine Art mittleres Management betrieben, das mit großem Engagement die Bedürfnisse von Kindern, Eltern und Personal erfüllt und mit Sachanforderungen koordiniert. Dabei möchte ich gerne helfen. Ein weiterer reizvoller Aspekt ist es, die Zusammenarbeit von zukünftig zwölf Einrichtungen und vier Träger-Kirchengemeinden innerhalb unseres kirchlichen Verbandes für alle Partner gewinnbringend zu organisieren.

Die Nähe und Verbindung bietet auch den Gemeinden selbst viel Potential für ihre Weiterentwicklung, denn die Kindertagesstätten bilden alle gesellschaftlichen Bereiche ab und sind letztendlich eine Art „Schlüssel in den Sozialraum“. Mit unseren Angeboten sprechen wir nicht nur Kinder, sondern auch Eltern, Familien, Großeltern und Freunde in vielfältiger Weise an und binden sie ein. Und nicht zuletzt arbeiten in unseren Kindertagesstätten hoch engagierte Mitarbeitende, die täglich mit den Herausforderungen gesellschaftlicher Realität konfrontiert werden. Dies führt mitunter zu einer hohen Arbeitsbelastung, die durch eine gute Beratung, durch Coaching und Fortbildungen gemildert werden kann.

>> Was macht das „evangelische“ in den Kindertagesstätten des Verbandes aus?

Was Kindern – ganz allgemein – an Orientierungen zur Bewältigung des Lebens mitgegeben wird, hängt auch immer von den persönlichen Glaubenseinstellungen, den Wertevorstellungen und den geistigen Kraftquellen der handelnden Menschen ab. Die Entwicklung eines Kindes ist geprägt durch den Alltag, durch verschiedene Lebensformen, Riten und Gebräuche, durch religiöse Sitten, Wahrnehmungen und ganzheitliche Sinneserfahrungen, die sie mit Geist, Körper und Seele machen. Kinder lernen in der Vergewisserung und Neugier, im Zusammenleben und Umgang miteinander Respekt und Toleranz. Sie lernen sich zu verstehen, als Teil ihrer Mitwelt, der es mit Achtung und Nachsicht zu begegnen gilt.

Das evangelische Profil, mit der entsprechenden Wertevermittlung, ist für mich ein ganz besonderes Alleinstellungsmerkmal. In unseren Einrichtungen verbinden sich grundsätzliche theologische Aussagen mit aktuellen pädagogischen Herausforderungen, die wiederum auf das Leitbild einer christlichen Erziehung hin ausgerichtet sind. Das Erleben von Nächstenliebe, der Umgang mit Schuld und Vergebung und die Suche nach dem Grundvertrauen spielen im pädagogischen Alltag unserer Kindertagesstätten eine wichtige Rolle.

Nach einem halben Jahr meiner Tätigkeit für den Verband kann ich feststellen, dass die Mitarbeitenden diesen Erfahrungen eine besondere Aufmerksamkeit entgegenbringen. Sie wollen selbst mehr darüber lernen, ihre eigenen Glaubens- und Wertevorstellungen reflektieren und einbringen. Deshalb ist es wichtig, ihnen das Gefühl zu geben, dass die Entdeckung und Weiterentwicklung des eigenen Glaubens ein besonderer Moment sein kann. Es muss nicht „peinlich“ sein, über eigene Glaubens- und Lebenserfahrungen zu sprechen.

Was wir erleben, kann ja vielfach mit den Geschichten in der Bibel, insbesondere über Jesus, in Einklang gebracht werden. Jesus wandte sich vor allem jenen zu, die starke Brüche in ihrer Biographie erlebt hatten, und gab Menschen in schwierigen Lebenssituationen Kraft. Das Vertrauen auf diese Gewissheit kann Menschen in persönlicher wie beruflicher Hinsicht Sicherheit und Selbstbewusstsein geben.

>> Wie wirkt sich dieses evangelische Profil auf das Zusammenleben der Religionen und Kulturen aus?

Diese Sicherheit und dieses „Selbst“-Bewusstsein“ ist meiner Meinung nach notwendig, um in einen erfolgreichen Dialog mit anderen Religionen und Kulturen zu treten. In einer evangelischen Einrichtung sind alle Religionen und Kulturen willkommen und dürfen ihren Ort haben. Es werden die jeweiligen Eigenschaften und Hinweise, vom Gebet bis zur Ernährung, respektiert.

Bei aller Offenheit für das Zusammenleben verschiedener religiöser Vorstellungen unter einem gemeinsamen Dach gibt es aber trotzdem einen großen Spielraum, um evangelische Werte, Rituale und Traditionen sichtbar zu machen. Die Chance eines guten, gelingenden Zusammenlebens aller Religionen und Kulturen liegt in dem einladenden Charakter der spirituellen Angebote. Gerade unsere „einladende evangelische Identität“ kann helfen, vielfältige Brücken zu bauen; hier erkenne ich noch große Potentiale, die auf allen Ebenen, auch in der Zusammenarbeit mit den vier Träger-Kirchengemeinden, ausgebaut werden können.

In unseren Kindertagesstätten gibt es viele gute Beispiele dafür, wie das gegenseitige Kennenlernen und die Begegnung der vielen, unterschiedlich geprägten Menschen gelingen kann. Das reicht von gemeinsamen Festen, dem gegenseitigen Kennerlernen der jeweils „anderen“ Religion und Kultur bis hin zur Einstellung muslimischer Mitarbeitenden, die wir zur Unterstützung eines gelingenden Zusammenlebens an vielen Stellen brauchen.

>> In den Medien ist oft von einer „verrohenden“ Gesellschaft die Rede. Wie können Kindertagesstätten helfen, Kinder davor zu schützen?

Eine erhöhte Sensibilisierung für Auffälligkeiten ist gut, die Wahrnehmung, dass bewährte Strukturen in Familie und Gesellschaft nicht mehr zwingend greifen, dass Überforderung und Unkenntnis zunehmen, ist notwendig. Über diese Tendenzen ist ein breiter gesellschaftlicher Diskurs erforderlich. Gleichzeitig müssen sich die verschiedenen Hilfeanbieter vor Ort noch viel stärker vernetzen. An dieser Stelle kommt den Kindertagesstätten und auch den Kirchengemeinden, die sich ja alle auch diakonisch für die Gesellschaft engagieren, eine wichtige Lotsenfunktion zu.

Kindertagesstätten und Kirchengemeinden ermöglichen Kindern einen ersten, sehr wichtigen Zugang zum öffentlichen Bildungssystem, außerhalb der Familie. Erfahrene Familienzentren können auf Probleme aufmerksam machen und – auch in der Zusammenarbeit mit Ehrenamtlichen – wichtige Hilfestellungen auf dem Weg zu einem vertrauensvollen Umgang miteinander geben. An dieser wichtigen ersten Nahtstelle gilt es für uns, weitere inhaltliche Impulse einzubringen und gesellschaftliche Öffentlichkeit zu schaffen.

>> Zwölf Jahre Kinder-Bildungsgesetz (KiBiz) in Nordrhein-Westfalen – wie fällt Ihre Bilanz aus?

Nun, es bleibt wie es ist... Ich erkenne das politische Bestreben, die Bedeutung der Kindertagesstätten als ersten außerfamiliären, öffentlichen Bildungsorten zu schärfen, durchaus an. In der neuen Legislaturperiode unseres Landes Nordrhein-Westfalen wurden enorme finanzielle Mittel für das System der Kindertagesstätten bereitgestellt. Das ist gut, war in der Vergangenheit aber völlig anders – und so entsteht in meiner Wahrnehmung ein etwas seltsames und verwirrendes Bild.

Trotz eines Plus von 1,3 Milliarden Euro an Landesmitteln führt das Finanzierungssystem nach dem KiBiz zu erhöhten Unsicherheiten und zu Trägerrisiken, deren Folgen nicht abschätzbar sind. Fakt ist, dass wir ohne die kommunalen freiwilligen Leistungen der Stadt Essen nicht in der Lage wären, die erhöhten Anforderungen in den Bereichen Personal, Räumlichkeiten und Ausstattung finanziell zu bewältigen. Diese Abwälzung des Risikos auf die Träger beobachte ich seit einem Jahrzehnt, und die Träger reagieren je nach Spielräumen verschieden darauf. Für unsere vier Träger-Kirchengemeinden lässt sich sagen, dass sie sich bis zur Belastungsgrenze und auch in der Form von zusätzlichen Trägeranteilen finanziell engagieren, um den Fortbestand der Einrichtungen zu sichern. Das ist nicht zu unterschätzen und muss auf jeden Fall entsprechend gewürdigt werden.

>> Und wie geht es mit dem Thema Inklusion weiter?

Im Hinblick auf die Integration von Kindern mit und ohne Behinderungen kommt unseren zehn Einrichtungen dank ihrer vielfältigen Angebote heute eine Vorreiterrolle und Vorbildfunktion zu. Trotzdem stellt uns das neue Bundesteilhabegesetz (BTHG) mit seinen Landesausführungsgesetzen und den entsprechenden Rahmenverträgen seit dem 1. Januar diesen Jahres hier im Rheinland vor neue Herausforderungen, was etwa die Personalbemessung und Versorgung von Kindern mit Behinderungen betrifft. Hier benötigen wir auf jeden Fall Übergangsregelungen durch die Genehmigungsbehörden, um die weitere Öffnung und Sicherstellung des Bedarfes zu gewährleisten.

Kindern mit Behinderung einen umfassenden, barrierefreien Zugang zu allen Bildungsangeboten und eine umfassende gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen, ist ein guter Gedanke und ein sehr wichtiges Ziel. Aber es ist noch ein langer, weiter Weg zu einem wirklich inklusiven Miteinander, auf dem viele Barrieren überwunden werden müssen – auch im Hinblick auf gesellschaftliche Haltungsfragen. Die Forderung nach Eigenständigkeit und Zugang wird aus meiner Sicht zu sehr auf der Grundlage monetärer Aspekte und mit der Absicht, Sparvorgaben umzusetzen, geführt. Wirkliche, gelingende Inklusion ist eine Frage der Haltung, die aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden muss. Inklusion gibt es nicht zum Spartarif.

>> Zum Abschluss: Ihre Wünsche für die Zukunft?

Die beschriebenen Herausforderungen lassen sich nur mit einer starken und breiten solidarischen Grundhaltung und dem erklärten Willen bewältigen, auf Qualität und nicht auf bloße Sparzwänge zu setzen. Eine rein fiskalische, quantitative Ausrichtung ist an dieser Stelle Flickwerk und der berühmte „Tropfen auf dem heißen Stein“.

Im Hinblick auf die evangelische Kindertagesstätten-Landschaft in Essen wünsche ich mir eine breite Form der Unterstützung und Zusammenarbeit aller Träger im Kirchenkreis. Insbesondere in einer engen Kooperation, bis hin zu einem Zusammenschluss der verfasst-kirchlichen Träger unter einem Dach innerhalb des Kirchenkreises - und mit Unterstützung einer gemeinsamen, leistungsstarken Verwaltung - sehe ich eine Chance, das hohe gemeindliche Engagement haupt- und ehrenamtlicher Kräfte absichern und weiterentwickeln zu können.

© Foto: privat

 

 

 

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