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Pfarrer Michael Lucka: Im Gottesdienst ist die Angst sichtbar

Gefängnisseelsorge und Corona

Pfarrer Michael Lucka ist Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt Essen und erlebt dort, wie sich die Arbeit durch das Coronavirus verändert hat. Er erlebt, wie Insassen, die sonst auf Stärke bedacht sind, plötzlich Angst zeigen. Und er erlebt, dass Dinge geschehen, die außerhalb der Gefängnismauern aktuell undenkbar wären.

HERR LUCKA, KÖNNEN SIE KURZ UMREIßEN, WELCHE BESCHRÄNKUNGEN ES DURCH DIE CORONA-PANDEMIE AKTUELL FÜR HÄFTLINGE UND AUCH FÜR SIE GIBT?

Michael Lucka: Es gibt ein großes Paket an Einschränkungen. So gibt es zum Beispiel neue Regelungen in der Zugangsabteilung. Alle neuen Häftlinge kommen erst einmal in die Isolation. Sie haben dann keinen Kontakt untereinander, aber auch nicht mit den Häftlingen, die bereits in der JVA sind. Zudem haben diese Häftlinge eine andere Freistunde.

Es gibt aber auch Beschränkungen im persönlichen Kontakt. In Seelsorgegesprächen tragen die isolierten Häftlinge eine Atemschutzmaske und es gibt Glaswände zum Schutz. Die Gruppengröße bei Gruppengesprächen wurde auf fünf Teilnehmer begrenzt. Ansonsten sind es in der Regel zwölf.

WIE WIRKT SICH DAS AUF DIE GESPRÄCHSSITUATION/DIE STIMMUNG AUS, WENN MAN MIT MASKE ODER DURCH EINE WAND MITEINANDER SPRICHT?

Lucka: Man versteht sich einfach schlechter. Grundsätzlich finden die meisten Gespräche mit den normal Inhaftierten ohne Maske – aber mit Sicherheitsabstand – statt, auch um Panik zu verhindern. Denn natürlich macht das was mit den Häftlingen, wenn der Pfarrer mit einer Maske rumläuft. Da heißt es schnell: „Oh, jetzt muss es wirklich schlimm sein, wenn sogar der Pfarrer eine Maske trägt.“ Und auf so engem Raum gibt es dann Panik, die jeder schon bekommen würde, wenn er mal für einen Tag in einer Zelle eingeschlossen wäre.

SIND DENN AKTUELL WENIGER HÄFTLINGE IN DER JVA?

Lucka: Aktuell sind 100 Häftlinge weniger als sonst in der Anstalt. Zahlreiche Häftlinge konnten die JVA verlassen und werden ihre Reststrafe dann im Anschluss absitzen.

WIE NEHMEN DIE HÄFTLINGE DIE SITUATION AKTUELL WAHR?

Lucka: Auch die Häftlinge haben große Sorgen und Ängste – um ihre Familien, aber auch um sich selbst, denn es gibt einige mit Vorerkrankungen. Und die Häftlinge sind über die Nachrichten im Fernsehen bestens informiert. Die Todesrate wird sehr genau wahrgenommen, auch die schrecklichen Bilder aus Italien. Und da ist es naheliegend, Angst zu bekommen: Bin ich irgendwann einer, den man nicht mehr retten kann? Vor allem Häftlinge, die aus dem Ausland kommen, machen sich Sorgen, weil dort die Gesundheitsversorgung nicht annähernd so gut ist wie in Deutschland.

Der Haftalltag hat sich natürlich verändert: Besuche von außen wurden komplett eingestellt, sogar Anwaltsbesuche dürfen nur in begründeten Fällen stattfinden. Die Besuchsabteilung ist umgewandelt in eine Telefonabteilung und die Häftlinge können immerhin mehr telefonieren.

DIE GOTTESDIENSTE FINDEN ABER WEITERHIN STATT?

Lucka: Gottesdienste werden aktuell weiter gefeiert, aber eben auch mit Abständen. So sitzen die Gottesdienstbesucher weit auseinander. Etwa 30 Häftlinge können an den Gottesdiensten teilnehmen und wir haben die zurückliegende Karwoche intensiver als jemals zuvor erlebt. Da sitzen mir die Gefangenen gegenüber, die vielleicht sonst eher gewohnt sind, im Knast Stärke zu zeigen, aber hier im Gottesdienst ist die Angst sichtbar, wenn der Pfarrer von seinem kleinen Sohn erzählt, der mit seinen drei Jahren nachts Angst hat, aber nicht weiß, wovor?

GIBT ES IN DIESER KRISE EINEN GESTEIGERTEN BEDARF NACH AUSTAUSCH UND SEELSORGE?

Lucka: Es gibt auf jeden Fall eine größere Nachfrage nach Gottesdiensten. So dass wir mehrere Gottesdienste anbieten, damit keine zu engen Abstände entstehen.

Die Anstaltsleitung möchte so viel Normalität wie möglich aufrechterhalten. Für die Moral und die allgemeine Stimmung sind Gottesdienste eben auch wichtig. Wir feiern die Gottesdienste letztendlich auch stellvertretend für alle außerhalb der JVA, die keine Gottesdienste feiern können.

Und in den Gottesdiensten und in der Seelsorge kann man auftanken – Gottesdienste sind hier immer intensiver, weil es um viel mehr geht als draußen, weil die Fragen viel brennender sind nach Schuld, nach Vergebung aber auch danach, ob Gott das Werk seiner Hände, wie es in der Anfangsliturgie heißt, nicht fahren lässt.

HABEN SIE AUCH KONTAKT ZU EHEMALIGEN HÄFTLINGEN, DIE WÄHREND DER CORONA-KRISE ENTLASSEN WURDEN?

Lucka: Ja, ich habe Kontakt zu einigen ehemaligen Häftlingen. Einer hat berichtet, dass es ihn total befremdet hat, dass Menschen die Straßenseite wechseln. Dass sich die so genannte Social Distance so auf den Alltag auswirkt, hätte er nicht gedacht. Dabei kennen sich Häftlinge gut mit sozialer Distanz aus, keinen Kontakt zur Außenwelt zu haben.

WIE NEHMEN SIE SELBST DIE CORONA-KRISE WAHR?

Lucka: Wir bleiben an der Seite der Häftlinge und der Mitarbeiter. Ich kann meine Arbeit weitermachen. Denn ich bereite weiter Gottesdienste vor und bin weiter für die Menschen da. Ich bin ja ein Teil eines Teams und nicht der einzige Seelsorgende an diesem Ort. Auch Justizbeamte haben offene Ohren in dieser Zeit, Sportbeamte machen es möglich, dass die Häftlinge sich weiter bewegen können und auch Häftlinge sind bisweilen seelsorgend um andere.

Den Wechsel in mein privates Leben gestalte ich intensiver als vorher – ich fahre oft mit dem Fahrrad zur Arbeit - 42 Kilometer zum Nachdenken und Aufatmen. Und zu Hause leiden meine fünf Kinder darunter, dass es keine Schule gibt und Freundschaft sich aufs Chatten und gemeinsame Zocken begrenzt. Vielleicht aber lernen wir, sowohl drinnen als auch draußen mehr zusammenzurücken trotz Social Distance. Deswegen sage ich gerne statt: „Bleibt gesund!“ „Bleibt zusammen!“

ZUR PERSON

Michael Lucka ist 52 Jahre alt und arbeitet seit acht Jahren in der Justizvollzugsanstalt Essen. Zuvor war Lucka Gemeindepfarrer in Wesel. Lucka ist Vater von fünf Kindern. Über seine Arbeit in der Gefängnisseeelsorge sagt er selbst: „Ich liebe dieses Arbeitsfeld, weil es ganz nah an meiner Vorstellung vom Pfarrberuf ist, nämlich in der Nachfolge Jesu bei denen zu sein, die am Rand sind.“

TEXT: EKIR.DE/AARON CLAMANN
FOTO: KIRCHENKREIS ESSEN/ALEXANDRA ROTH

 

 

 

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